Tirol, Wer wohnt eigentlich in Tirol?
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Wer wohnt eigentlich in Innsbruck? – Hannes

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Wer bist du?
Hallo, ich bin Hannes. Geboren 1981 in Kärnten durfte ich eine abwechslungsreiche Kindheit am Land verbringen. Neben den Abenteuern im Dorfleben ist diese Zeit für mich vor allem geprägt durch die Fernsehserien Knight Rider, Batman & Robin (die Strumpfhosen-Serie), MacGyver und nicht zu vergessen einem roten Mädchenfahrrad. Ich hatte später auch ein cooles blau-weißes BMX, aber mit dem dem roten „Weiberradl“ mit fixiertem Rücktritt verbinde ich viel mehr actionreiche Erinnerungen / Unfälle.
Meine Jugend habe ich dann im Salzburger Pinzgau, zu meist auf dem Skateboard und noch mehr auf dem Snowboard, verbracht. Manchmal habe ich das Gefühl die Liebe zum Snowboarden ist die längste Konstante in meinem Leben.

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Ich glaube an das Gute und wünsch jedem das Beste. Ich interessiere mich für alles andersartige, vor allem für Menschen, wie sie denken und was sie mit ihrer Zeit so anstellen.

Beruflich bin ich Grafik Designer und arbeite in einer schöner Agentur mit ausgesprochen tollen Kollegen. Alles junge, schöne gesunde und gescheite Menschen. Wir machen schöne Broschüren, Websiten, … mit Bildern die wir vorher noch schöner machen. Irgendwann wurde in meinem Berufsalltag alles so jung und schön, dass ich beschloss nebenher im Altersheim ehrenamtlich zu arbeiten. Mein Leben wurde dadurch viel runder. Ich kam oft mit einem Stresspegel im roten Bereich aus der Agentur und als ich beim Eingang des Altersheims reinspazierte, wo der immer gleiche alte Knabe an seiner Zigarette nuckelte, da hatte ich schon meinen Ruhepuls erreicht. Wer also etwas Ausgleich oder mehr Sinn im Alltag sucht, dem kann ich einen Sozialdienst ans Herz legen.

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Wie viele in Innsbruck bin ich ein naturverliebter Mensch. Ich habe mich vor Jahren gegen das hochhächeln auf einer Karriereleiter entschieden und versuche meinem Leben mit ideellen Werten mehr Sinn zu geben. Deshalb engagiere ich mich mit Freunden in unserem Verein Cappuccino Club, der mich gut beschäftigt hält.
Ich liebe es Ideen zu sammeln und die eine oder andere in die Realität zu verwandeln. Das ist gerade in unserem Verein sehr gut möglich. Mein neuestes Projekt neben dem Cappuccino Club heißt Schauspielunterricht. Der flasht mich total! Ich bin schon süchtig danach.

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Seit wann bist du in Innsbruck und was gefällt dir an IBK am besten?

Ich bin 2001 zum Studieren nach Innsbruck gekommen. Allerdings hab ich nach 2 Jahren trockenem Kunstgeschichte Studium zur praxisnahen Ausbildung zum Grafik Designer gewechselt und dann sofort zu Arbeiten begonnen. Seither bin ich immer wieder mal länger weg gewesen: Einen Winter lang nach Kanada, ein Jahr lang nach Wien, 2 Wintersaisonen ins Zillertal und dann noch ein volles Jahr Mayrhofen. Dazwischen immer wieder Innsbruck, Innsbruck, Innsbruck. Seit 6 Jahren bin ich wieder ohne Unterbrechung da.

Was mir am besten gefällt? Hmmm, da müsste ich jetzt länger nachdenken um meinen Top- Favoriten festzulegen. Es gibt viele Punkte, die Innsbruck für mich sehr lebenswert machen. Z. B. mag ich das Überschaubare an der Stadt, also die Größe – oder die Kleinheit, je nach dem wie du es betrachten willst. Gleichzeitig: Wenn ich mich im Stadtzentrum bewege habe ich beinahe das Gefühl von Anonymität. Keine Nachbarn, die alles über mich zu wissen glauben, oder wissen wollen. Zur selben Zeit wirkt vieles außerhalb des Zentrums bereits wieder ländlich. Wenn ich sonntags ein paar Stunden auf den Wanderwegen über der Stadt unterwegs bin und mir Einheimische entgegenkommen, dann wird mit einem freundlichen „Griaß di!“ gegrüßt. Ich liebe das! Wenn jemand nicht zurück grüßt weiß ich: A) Schlecht drauf / Grantler, B) Neu in der Stadt / Urlauber. Ich habe das Gefühl, dass in Tirol generell das „Du“ weit mehr Akzeptanz findet als in anderen Teilen Österreichs. Ich bin Hansi Hinterseer dafür sehr dankbar, dass er das landesweit durchgesetzt hat. Toller Typ!

Ansonsten liebe ich an Innsbruck die kurzen Wege – schnell mit dem Rad in 15 min ans andere Ende der Stadt. Das geht nicht in allen Landeshauptstädten. Als Radfahrer bin ich sogar froh, dass der Föhn im Winter die Stadt schneefrei hält. „Hauptsach oben isch bäriger Schnee!“ Am allerallerallerbesten finde ich an Innsbruck, dass ich hier so viele tolle, inspirierende und wertvolle Menschen kennengelernt habe. Viele von ihnen sind „Zuagroaste“ wie ich. Dem Herrgott sei Dank, ich darf auch echte InnschbruckerInnen zu meinen Freunden zählen. Das muss daran liegen, dass ich einmal ein braver Ministrant war. Hihi.

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Wo ist dein Lieblingsort & warum?

Die Gruabn – weil’s schön is. Punkt.

Die Seegrube ist für mich im Winter wie im Sommer ein Erlebnis. Vor allem im Winter habe ich als begeisterter Snowboarder auf der Seegrube viele unbeschreiblich schöne Momente erlebt. Momente voller Action unter Freunden sowie Momente totaler Entspannung in der bewusst gesuchten Einsamkeit (ohne Brettl) – und vor allem viel viel Sonne!

Immer wieder beeindruckt mich der kurze Fußmarsch vom Hafelekar zur K-Rinne, links der Ausblick auf die Stadt, dahinter Bergpanorama oft bis nach Südtirol, und rechts verlieren sich meine Augen bis ins Karwendel – der totale Naturflash! Der Himmel blau die Erde weiß und viele tiefe Atemzüge voller Genuss und Lebensfreude. Zum Tages-Ausklang ein Radler oder Weizen in der flachen Abendsonne während die Stadt schon im Dunkeln liegt. Dann total happy und mit viel Körperkontakt in der letzten dichtgepackten Gondel ins Tal. Ich bin ein Fan von diesem Berg.

In den restlichen Jahreszeiten darf ich als Wahl-Höttinger den Botanischer Garten genießen. Trotz seiner bescheidenen Größe finden sich dort überraschend viele Pflanzen aus aller Welt. Biologie-Studenten setzen immer wieder mal volkserzieherische Maßnahmen. Heuer z. B. wurden alle Getreidearten, die dem Menschen je als Nahrung dienten, angepflanzt und mit Texttafeln erklärt. Da beobachtete ich immer wieder mal Besucher, die zum Ersten Mal eine Gersten-, Roggen- oder Dinkelähre bewunderten. Natürlich gab es auch exotischere Arten, damit Landeier wie ich auch etwas Neues sehen.

Zum Schluss möchte ich noch einen Spaziergang in Saggen empfehlen. Die alten herrschaftlichen Villen, teilweise wildumrankt mit Efeu und anderem Grünzeug, strahlen eine besondere Ruhe aus, wie ich finde. Dort gibt’s wenig Verkehr dafür viele Bäume – ein schönes Gegengewicht zu den vielen zugepflasterten Plätzen im Zentrum.

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Was ist für dich typisch Ibk?

Auf dem Weg durch die Stadt fünf Bekannte treffen; oder der stundentenleere Sommer, dafür viele Amerikanische Summerschooler. Das finde ich so witzig und interessant, dass man die im Innsbrucker Stadtbild aus 1 km Entfernung erkennt – und auch hört: Die Johnnys und Brians, nicht selten muskelbepackte Hünen, und die Brendas und Sallys, ausnahmslos in XS-Hotpants, XL-T-shirts und Flip Flops. Mit einer Wasserflasche bewaffnet trotzen sie wacker jeder Witterung bei der Überquerung der Uni-Brücke. Das sticht aus dem Innsbrucker Bekleidungseinheitsbrei derart heraus. Ich empfinde das als bunte Bereicherung für das Stadtbild. Diese Summerschooler und die restlichen Touristenmassen füllen die Lücke, die die Studenten im Sommer hinterlassen. Die sind nämlich bis auf wenige Ausnahmen auf Surftrip in Portugal oder auf den Philippinen.

Was sie dort krasses erlebt haben kann sich der interessierte Zuhörer dann im Spätsommer zu Unibeginn im Jimmy’s akustisch einverleiben. Wer das Jimmy’s nicht kennt, das ist DIE Innsbrucker Kult-Bar der Boarderszene. Man darf sie nur mit einem Longboard unterm Arm betreten! Haha.

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Was vermisst du an Innsbruck?

Eigentlich wenig bis gar nichts. Wäre alles hier, dann wäre es nicht mehr diese heimelige überschaubare Stadt. Wenn ich etwas anderes will, dann fahre ich weg.
Eine Sache fällt mir spontan ein: Bei aller Notwendigkeit der Innverbauung zum Hochwasserschutz fänd ich es toll wenn der Fluss mehr zu einem erlebbaren Element der Stadt werden würde. Im Zentrum sind die Zugänge zum Inn sehr spärlich. Da schlummert, wie ich finde , noch riesiges Potential hinsichtlich einer weiteren Aufwertung der Stadt.

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Irgendwelche abschließende Worte?

Ja. Ich finde wir alle – die wir in dieser schönen Stadt leben – sind Innsbruck und dürfen realisieren, dass wir in irgendeiner Art mitgestalten können und sollen. Zumindest sollten wir nicht unsere Verantwortung abgeben und uns dann echauffieren, wenn jemand anders damit Unfug treibt – so generell gesprochen.
Egal in welchem Bereich, jammern bringt uns nicht weiter. Wir alle können weit mehr bewirken als wir uns oft zutrauen. Und am meisten bewirken wir mit dem Besen vor unserer eigenen Haustüre.
„Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest!“ Ich find der hat schon etwas am Kasten gehabt, der Herr Mahatma Gandhi.
Und: „If you can’t change it, LOVE IT or leave it!“
Peace und ein frohes neues Jahr!

4 Kommentare

  1. Das ist ein ganz wunderbares Interview. Ich kenne zwar weder den Hannes noch Dich, Tiroler Madl, aber dennoch ist der Stil und der Inhalt besser als so manches hippe Interview à la Zeit-Magazin.

    • Niña Lerch sagt

      Dankeschön!!! Ein wunderbares Kompliment an einem so schönem Sonntag! Hoffe auch deiner ist zauberschön! :)

      • Hi Nina, danke fürs Feedback. Ich bemühe mich in meinem Blog, das besondere am Alltäglichen zu zeigen, in einer Stadt, die auf den ersten Blick nicht so wunderschön rüberkommt wie Innsbruck… Aber das ist ja gerade die Herausforderung!
        Weiterhin frohes Schaffen und liebe Grüsse aus Esch/Alzette!

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